Eine kleine Einführung in den Strahlenschutz

18 Mrz

Ich bin im Moment in Kyoto und hoffe so die Sorgen aller Freunde und vor allem meiner Familie weiter zu zerstreuen.

Es geht mir gut. Hier in Kyoto ist für die Japaner alles so normal wie es nur sein kann. Nur die Ausländer wirken teilweise etwas nervös. Besonders ein Typ, der mit seiner Katze unterwegs war wirkte, als könnte er jeden Augenblick einen Nervenzusammenbruch erleiden.

Weil die Medien in Europa weiterhin Panik schüren und ich um den seelischen Zustand meiner Mitmenschen besorgt bin, habe ich mich entschlossen hier meinen Beitrag zur Versachlichung der Berichterstattung zu leisten.

Fangen wir ganz klein an:

Was ist radioaktive Strahlung?

„Radioaktiv“ bedeutet „strahlungsaktiv“. Radioaktive Stoffe senden also Strahlung aus. Sie tun dies weil ihre Atomkerne nicht stabil sind. Sie „zerfallen“ in einen leichteren Kern und senden die dabei freiwerdende Energie (E=mc²) in Form von Strahlung aus. Diese Strahlung ist es, die den Körper potenziell schädigen kann, weil sie meistens ionisierend ist und die Zellen beschädigen kann. Dazu später mehr.

Der Begriff „radioaktive Strahlung“ ist insofern falsch, als nur Stoffe radioaktiv (also strahlend) sein können. Gemeint ist meistens Strahlung von radioaktiven Stoffen.

Ist Radioaktivität ansteckend?

Nein! Radioaktivität ist nicht ansteckend. Die Strahlung selbst, erzeugt normalerweise keine neuen radioaktiven Stoffe. Um neue Radioaktivität zu erzeugen braucht man schon außergewöhnliche Bedingungen, wie ein laufendes (!) Atomkraftwerk.

Wenn man in den Nachrichten von „verstrahlten“ Personen hört, dann ist damit meistens eine Kontamination, also eine Verunreinigung mit radioaktiven Stoffen gemeint. Wenn man die Personen dekontaminiert — sprich: kräftig abduscht — ist auch die Strahlung weg. Es wird etwas komplizierter, wenn man das radioaktive Material in den Körper aufnimmt (einatmet oder verschluckt), aber auch hier gilt: Wenn die radioaktiven Stoffe wieder ausgeschieden wurden, ist die Strahlung weg.

Wie gefährlich ist ionisierende Strahlung?

Das hängt stark von der Art der Strahlung und der Energie, die der Körper aufnimmt, ab. Gemessen wird dies in Sievert, wobei die Art der Strahlung hierbei schon berücksichtigt wird. Bei einer Röntgenaufnahme bekommt man zum Beispiel in etwa eine Dosis von 0,1 mSv (Millisievert) ab. Das ist aber noch wenig im Vergleich zu der Strahlendosis, die wir so oder so jedes Jahr aus natürlichen Quellen abbekommen. Radioaktivie Stoffe sind überall um uns herum. Ganz natürlich und komplett ungefährlich. Zusätzlich werden wir noch aus dem Weltall mit Strahlung bombardiert.

Die Menge der natürlichen Strahlenbelastung hängt stark vom Ort ab. Der Weltdurchschnitt liegt bei 2,4 mSv pro Jahr. In den meisten Teilen Deutchlands liegt er unter 1 mSv/a aber in anderen Teilen der Welt kann er auch mal bei 10 mSv/a liegen (zum Beispiel an einigen Stränden in Brasilien).

Aussagen wie „Die Strahlenbelastung am Ort X stieg auf das 100-fache der normalen Strahlung an“ eignen sich also zwar wunderbar, um den Leuten vor den Fernsehern Angst einzujagen, sagen aber nichts über die tatsächliche Strahlenbelastung aus. Das Hundertfache der normalen Strahlenbelastung an einem Ort kann immer noch weniger sein als die natürliche Strahlenbelastung an einem anderen Ort.

Zusätzlich zu der natürlichen Strahlung kommen dann noch die künstlichen Strahlenquellen. Hier machen medizinische Anwendugen (wie z.B. das Röntgen) den Löwenanteil aus. Insgesamt (natürlich + künstlich) kommt man in Deutschland im Mittel auf etwa 4 mSv pro Jahr.

Strahlung ist also immer und überall vorhanden. Unsere Zellen haben ich im Laufe der Evolution an diesen Umstand angepasst und werden damit fertig. Sie verfügen über Reparaturmechanismen, die den durch die Strahlung angerichteten schaden wieder beheben.

Natürlich haben diese Mechanismen auch ihre Grenzen. Wenn man innerhalb kurzer Zeit einer zu hohen Strahlenbelastung ausgesetzt ist, kommen die Zellen nicht mit der Reparatur hinterher und man erkrankt an der Strahlenkrankheit.

Bis 0,2 Sievert gibt es keine akuten Symptome. Als Langzeiteffekt kann es ein erhöhtes Krebsrisiko geben, allerdings sieht man dem Krebs nicht an, was ihn verursacht hat, also ist es schwierig einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen möglichen späteren Krebserkrankungen und der Strahlenbelastung zu ziehen. Pro Sievert Strahlenbelastung steigt das langzeit Krebsrisiko um etwa 5%.

Bis 0,5 Sievert zeigt sich die Strahleneinwirkung nur im Blutbild. Es gibt keine offensichtlichen Symptome.

Bis 1 Sievert führt die Strahlenbelastung zu akuten Kopfschmerzen und kann bei Männern für eine zeitweilige Sterilisation sorgen. Außerdem führt es zu einem erhöhten Infektionsrisiko.

Ab 1 Sievert wird es dann richtig Lebensgefährlich wobei 6 Sievert den ziemlich sicheren Exitus bedeuten.

Vom Gesetzgeber (in Deutschland!) wird vorgeschrieben, dass die durch kerntechnische Anlagen verursachte Strahlenbelastung für die allgemeine Bevölkerung 1 mSv pro Jahr nicht überschreiten darf. Personen, die beruflich mit radioaktiven Elementen zu tun haben, dürfen maximal 20 mSv pro Jahr abbekommen.

Diese Grenzwerte sind recht willkürlich gewählt, um auf der ganz ganz sicheren Seite zu sein! Eine Überschreitung der Grenzwerte heißt nicht, dass die Strahlendosis plötzlich gefährlich ist. Wie bereits gesagt, würde man den Grenzwert von 1 mSv/a schon um das Zehnfache überschreiten, wenn man an einem Strand in Brasilien lebt. Man sieht die Leute aber nicht in Scharen von den Brasilianischen Stränden fliehen. Eher im Gegenteil. 😉

Wenn also gesagt wird, dass man irgendwo in der Nähe des Atomkraftwerks innerhalb von 10 Stunden die gleiche Menge Strahlung aufnimmt, die sonst in einem Jahr als sicher angesehen wird (wahrscheinlich sind damit 1 mSv gemeint), dann bedeutet dass noch nicht, dass es nach 11 Stunden plötzlich gefährlich wird. Man könnte sogar 100 Stunden dort herumstehen und würde immer noch unter der gesetzlichen Grenze für Arbeiter in der Atomindustrie liegen.

Und wie sieht die Situation in Japan aus?

Außerhalb der 30 km Zone um das Kraftwerk sieht es gut aus. Die aktuellen Messwerte liegen deutlich unter 10 mSv/a (Strand in Brasilien). Außerdem sagen die Experten (unter anderem der oberste wissenschaftliche Berater der britischen Regierung), dass selbst in im schlimmsten Fall außerhalb eines 80 km Radius um das Kraftwerk nicht mit einer gesundheitsgefährdenden Strahlenbelastung gerechnet werden muss. Und diese Leute halten sich wahrscheinlich an die (willkürliche) 1 mSv Grenze.

Wenn immer mehr Regierungen ihre Landsleute zum Verlassen von Japan animieren, dann hat das sicherlich vorwiegend politische Gründe. Die Medien machen die Wähler verrückt, die Wähler machen druck auf die Politiker, die Politiker sagen den Leuten, sie sollen nach Hause kommen, damit es so aussieht als täten sie was. Die sofortige Abschaltung der alten deutschen Atomkraftwerke sehe ich genauso. Als ob das nicht ein paar Tage Zeit hätte.

Also: Wenn ihr das nächste Mal von Strahlung und Radioaktivität hört oder lest, lasst euch nicht von den Schlagwörtern kirre machen, sondern denkt an die wissenschaftlichen Fakten. Und an den Strand in Brasilien. ^^

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